Bouldern als Therapie: Sport, Geist und soziale Interaktion vereint
Bouldern, eine Form des Klettersports, hat in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen. Neben körperlicher Kraft und Ausdauer erfordert Bouldern auch Konzentration, Problemlösungsfähigkeiten und mentale Fokussierung. Zudem wird die Sportart häufig in sozialen Kontexten ausgeübt, wodurch Austausch und gegenseitige Unterstützung gefördert werden.
Aufgrund dieser Kombination aus körperlicher Aktivität, mentaler Herausforderung und sozialer Interaktion wird Bouldern zunehmend auch im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit untersucht. Besonders im Hinblick auf Depression, eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit, rückt die mögliche therapeutische Wirkung von Bewegung in den Fokus. Studien zeigen, dass körperliche Aktivität depressive Symptome reduzieren und das allgemeine Wohlbefinden verbessert. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Artikel untersucht, inwiefern Bouldern einen positiven Einfluss auf depressive Symptome haben kann.
Die positiven Effekte von körperlicher Aktivität auf die psychische Gesundheit sind in der wissenschaftlichen Literatur gut belegt. Regelmäßige Bewegung kann zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens beitragen und Symptome von Depression und Angststörungen reduzieren. Neben physiologischen Effekten, wie der Ausschüttung von Endorphinen und einer verbesserten Durchblutung des Gehirns, spielen auch psychologische Faktoren wie Selbstwirksamkeit und soziale Interaktion eine wichtige Rolle.
Die Studie von Gürer et al. (2024) untersuchte den Einfluss von Klettersport auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen. An der Untersuchung nahmen 104 Jugendliche im Alter von 12 bis 18 Jahren teil. Die Depressionswerte wurden mit der RCADS-Depression Subscale (Revised Children’s Anxiety and Depression Scale, 0–30 Punkte) gemessen. Vor Beginn der Kletterintervention lag der Durchschnittswert der Jugendlichen bei 12,5 Punkten, was auf eine moderate Ausprägung depressiver Symptome hinweist. Nach 8 Wochen regelmäßigen Kletterns sank der Wert auf ca. 6,5–7 Punkte, also eine Reduktion um 5–6 Punkte. Die Angstwerte reduzierten sich im gleichen Zeitraum um ca. 4 Punkte. Besonders Jugendliche mit mehr als drei Trainingseinheiten pro Woche zeigten die größten Verbesserungen.
Ein spezieller Ansatz ist die sogenannte Bouldering Psychotherapy (BPT), bei der Psychotherapie mit Klettern kombiniert wird. Eine zentrale Studie in diesem Bereich ist die randomisierte kontrollierte Studie „Bouldering Psychotherapy is more effective in the treatment of depression than physical exercise alone“ von Karg et al. (2020). In dieser Studie nahmen 47 Personen mit Depression über acht Wochen an einer strukturierten Bouldertherapie teil (einmal wöchentlich, 3 Stunden pro Sitzung). Die Depressionswerte auf der Beck Depression Inventory-II (BDI-II) Skala sanken von 24,1 auf 15,3, eine Reduktion von 8,8 Punkten, was einer großen Effektstärke (Cohen’s d = 0,77) entspricht. Die Vergleichsgruppe, die nur allgemeine körperliche Aktivität ausübte, zeigte lediglich eine Reduktion von 3,2 Punkten. Die Number Needed to Treat (NNT) betrug 4, das heißt, dass vier behandelte Personen notwendig sind, damit eine Person einen klinisch relevanten zusätzlichen Nutzen von der Therapie erzielt
Auch die systematische Übersichtsarbeit von Larsson, Larsson und Nordeman (2025) kommt zu ähnlichen Ergebnissen. In dieser Analyse wurden 7 kontrollierte Studien mit insgesamt 471 Teilnehmenden untersucht. Die Ergebnisse zeigten, dass Indoor-Bouldern depressive Symptome signifikant reduziert. So sanken die Depressionswerte auf der Montgomery–Åsberg Depression Rating Scale (MADRS) durchschnittlich um 8,3 Punkte, was über dem klinisch relevanten Minimalwert von 5 Punkten liegt. Besonders Interventionen über 8–10 Wochen führten zu nachhaltigen Effekten, die teilweise noch 6–12 Monate nach der Intervention nachweisbar waren. In keiner der analysierten Studien wurden schwerwiegende Nebenwirkungen berichtet.
Darüber hinaus zeigt die Literaturübersicht von Rosołowska‑Żak et al. (2024), dass Sportklettern depressive Symptome reduzieren, die Emotionsregulation verbessern und das allgemeine Wohlbefinden steigert. Die Autorinnen und Autoren analysierten Studien aus den Jahren 2004–2024 und betonen die Wirksamkeit strukturierter Boulderprogramme mit psychotherapeutischen Elementen.
Die positiven Effekte von Bouldern auf depressive Symptome lassen sich durch mehrere Mechanismen erklären:
Körperliche Aktivität: Bewegung fördert die Ausschüttung von Endorphinen, Serotonin und Dopamin, die mit einer Verbesserung der Stimmung verbunden sind.
Mentale Herausforderung: Beim Lösen von Routen müssen Bewegungsabläufe geplant und Probleme gelöst werden, was die Aufmerksamkeit auf den Moment lenkt und Grübelprozesse unterbricht.
Soziale Interaktion: Bouldern wird häufig in Gruppen durchgeführt, wodurch soziale Unterstützung entsteht, die Zugehörigkeit und psychisches Wohlbefinden stärkt.
Selbstwirksamkeit: Das Bewältigen von Routen vermittelt Erfolgserlebnisse, steigert Selbstvertrauen und reduziert negative Selbstbewertungen.
Die bisherigen Forschungsergebnisse zeigen, dass Bouldern eine wirksame ergänzende Methode zur Behandlung depressiver Symptome ist. Besonders die Kombination aus körperlicher Aktivität, mentaler Herausforderung und sozialer Interaktion scheint entscheidend zu sein.
Allerdings bestehen Einschränkungen: Viele Studien haben kleine Stichproben (unter 50 Personen) oder untersuchten spezifische Zielgruppen, wodurch die Übertragbarkeit eingeschränkt ist. Die Dauer und Intensität der Interventionen variieren stark, von einzelnen Sitzungen bis zu zehn Wochen regelmäßiger Boulderprogramme, was den Vergleich erschwert.
Weitere Studien sind notwendig, um langfristige Effekte, optimale Interventionsdauer und die wichtigsten Wirkfaktoren besser zu bestimmen.
Quellen:
Gürer, H., Akçınar, F., Arslan, S. C., Akçınar, S., Güllü, M., Eken, Ö., Kurtoğlu, A., Ilkım, M., Alotaibi, M. H., & Elkholi, S. M. (2024). Evaluating the impact of rock climbing on mental health and emotional well-being in adolescents. Frontiers in Psychology, 15. Quelle
Larsson, R., Larsson, A., & Nordeman, L. (2025). Effectiveness of indoor rock climbing and bouldering as treatment for depression – a systematic review. BMC Psychiatry, 25, 858. Quelle
Rosołowska-Żak, S., Sambura, S., Paschke, P., Miczek, I., Pałuchowska, J., & Szymkowicz, A. (2024). The influence of sport climbing on depressive disorders. Quality in Sport, 16, 50572–50572. Quelle