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Die Evolution unserer Essgewohnheiten: Ein Blick auf vier Nahrungsmuster

Ernährungsgewohnheiten entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten stark gegensätzlich zu der ursprünglichen Ernährung der Menschheit. Dazu gibt es vier Nahrungsmuster, die in diesem Beitrag betrachtet werden.

Natur-Nahrung

Durch archäologische Funde und Kenntnisse von noch heute lebenden Sammlern und Jägern lässt sich die Zusammensetzung natürlicher Kost identifizieren. Der Gebrauch pflanzlicher Nahrung war weit verbreitet und setzte sich aus Blättern, Samen, Früchten, Nüssen und Wurzeln zusammen. Zudem wurden Wildkräuter konsumiert, die viele gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe besaßen. Neben pflanzlicher Ernährung konsumierten unsere Vorfahren auch tierische Nahrungsmittel, vor allem Kleintiere, Fisch und Aas, später auch Wild. Diese waren abhängig von Notwendigkeit und Verfügbarkeit. Obwohl tierische Produkte verzehrt wurden, fiel bis auf die Versorgung mit mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Fettanteil gering aus. Des Weiteren war das Nahrungsangebot von saisonalen Bedingungen abhängig, wodurch es Phasen mit Nahrungsmangel gab.

Kultur-Nahrung

Vor 12.000 Jahren begann die Zeit des Ackerbaus und damit auch eine neue Phase der menschlichen Kultur. Dabei kultivierten unsere Vorfahren stärkehaltige Lebensmittel, bei denen sich nicht jeder sofort anpassen konnte. Grundsätzlich wird die veränderte Kost noch als artgerechte Ernährung bezeichnet, weil sie weiterhin vorwiegend aus pflanzlichen Lebensmitteln bestand.

Industrie-Nahrung

In der Industrie-Nahrung kam es zu einer tiefgreifenden Revolution, die unsere Essgewohnheiten stark beeinflusste. Die Auswirkungen dieser Veränderung werden besonders durch die Zunahme von Erkrankungen deutlich. Diese Veränderung begann vor etwa 150 Jahren mit der industriellen Revolution in den Industrieländern. Dabei fand ein Wechsel von einer kohlenhydrat- und ballaststoffreichen Ernährung hin zu einer fettreichen und ballaststoffarmen Kost statt. Unser Organismus konnte sich bisher nicht vollständig an diese Veränderung anpassen, da die Ernährung der letzten 150 Jahre stark von der vorherigen artgerechten Ernährung abweicht.

Zivilisations-Nahrung und ihre Folgen

Der Anteil an Fertigkost stieg nach dem Zweiten Weltkrieg stetig an, wodurch sich der Mensch in dieser kurzen Zeit noch weniger an die physiologische Anpassung gewöhnen konnte. Dies erklärt die bis heute resultierenden Zivilisationskrankheiten als Belastung der Regulationssysteme unseres Körpers. Der vermeintliche Fortschritt in der Lebensmittelbranche stellt sich eher als Rückschritt dar. Gleichzeitig sank auch die körperliche Aktivität und der damit verbundene Energiebedarf der Menschen enorm. Durch die immer größere Nahrungszufuhr und den Rückgang körperlicher Aktivitäten ist Überernährung heute das größte Ernährungsproblem weltweit. Obwohl es heute ein breites Nahrungsangebot gibt, das eine ausgewogene Ernährung ermöglicht, sterben immer noch viele Menschen früh an den Folgen von Überernährung und Bewegungsmangel.

Lebensmittelbranchen führten bei der industriellen Verarbeitung Neuerungen ein, die sich beispielsweise auf isolierte Zucker und verarbeitete Fette bezogen. Diese Neuerungen verschlechterten die ernährungsphysiologische Qualität und führten zu einer Zunahme von Krankheiten. Beispiele aus Deutschland seit Beginn der Industrialisierung zeigen einen Rückgang des Anteils an Kohlenhydraten von knapp 60 % auf etwa 45 % der Gesamtenergiezufuhr sowie einen Anstieg des Fettanteils von etwa 25g auf fast 100g pro Person/Tag. Auch der Verlust an Mineralstoffen und Vitaminen trägt zur Zunahme von Mikronährstoffmangel bei. Dies führt zu einer Reduzierung der Nährstoffdichte und gesunder Inhaltsstoffe.

Eine weitere Folge der verarbeiteten Nahrungsmittel ist das reduzierte Kauen und schnelle Schlucken, was mit geringerem Aufwand verbunden ist als bei nicht verarbeiteten Lebensmitteln. Infolgedessen ist die Sättigungswirkung der Nahrung weniger ausgeprägt, da die physiologischen Regulationsmechanismen für die Sättigung weniger Zeit haben, aktiv zu werden. Das bedeutet, dass das Sättigungsgefühl oft erst auftritt, nachdem bereits zu viel Nahrung aufgenommen wurde, was zu Überernährung und Übergewicht führt.

Des Weiteren kann durch die Neuerungen in der Lebensmittelverarbeitung bei bestimmten Bevölkerungsgruppen die empfohlene Zufuhrmenge an einigen Inhaltsstoffen nicht gedeckt werden. Besonders betroffen sind Vitamine D, E, B12, Folsäure sowie die Mineralstoffe Kalium, Magnesium, Jod, Selen, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Auffällig ist, dass vor allem Personen mit einseitiger Ernährung, wie Jugendliche und ältere Menschen sowie diejenigen, die einseitige Diäten zur Gewichtsreduktion verwenden, unter dieser Unterversorgung leiden.

Durch den bereits erwähnten heutigen Bewegungsmangel ergeben sich weitere Folgen, die sich besonders auf Gewicht, Stoffwechsel, Gelenke und Bewegungssystem auswirken. Regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt Stoffwechsel, Verdauung und Atmung. Auch der Energiebedarf spielt eine wichtige Rolle, der durch körperliche Aktivitäten steigt. Viele Menschen nehmen jedoch signifikant mehr Energie auf, als tatsächlich benötigt wird.

Ein letzter Punkt, der sich auf die Zivilisations-Nahrung bezieht, ist unsere heutige Medienwelt. Psychologische Faktoren, die durch Werbung und andere Medien beeinflusst werden, spielen eine bedeutende Rolle in unserem Ernährungsverhalten und werden oft unterschätzt. 

Quellen:

Bracht, Dr. med. P., & Leitzmann, Prof. Dr. C. (2020). Klartext Ernährung. Die Antworten  auf alle wichtigen Fragen. Wie Lebensmittel vorbeugen und heilen. (2. Aufl.). Mosaik.

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