Hörgeräte in Kombination mit Beratung: Ergebnisse großer Kohortenstudien
Eine größere Untersuchung von Lee et al. (2022) analysierte 116 PatientenInnen mit Tinnitus und begleitendem Hörverlust. 60 erhielten Hörgeräte in Kombination mit individueller Beratung, während 56 nur eine Beratung ohne Hörgeräte erhielten. Die Gruppen unterschieden sich zu Beginn nicht signifikant in Alter, Geschlecht, Tinnitusdauer, Hörverlust oder Tinnitusintensität. Alle TeilnehmerInnen wurden audiologisch untersucht, mit Hörgeräten nach der NAL-NL2-Methode versorgt und regelmäßig nachkontrolliert.
Angewandte Messinstrumente waren die Visual Analog Skala (VAS), der Satisfaction with Amplification in Daily Life (SADL) Fragebogen und der Tinnitus Handicap Inventory (THI). Der VAS Wert lag im Wertebereich 0 (kein Tinnitus) bis 10 (maximal vorstellbare Lautstärke). Der SADL Wert gab an, wie sehr sich die Zufriedenheit der TeilnehmerInnen veränderte (von 1 "überhaupt nicht" bis 7 "immer oder sehr oft"). Der THI Wert gibt an, inwiefern Tinnitus die TeilnehmerInnen beinträchtigte. Die Werte reichen von 0 (gar nicht) bis 100 (extreme Einschränkung).
Nach drei Monaten zeigte sich eine deutliche Reduktion der Tinnitusbelastung: In der Hörgerätegruppe sank der VAS-Wert von 7,4 ± 3,4 auf 4,1 ± 3,1, in der Beratungsgruppe von 7,1 ± 2,9 auf 4,2 ± 2,8 (p < 0,05). Die THI-Werte der Hörgerätegruppe verbesserten sich von 21,5 ± 11,9 auf 16,1 ± 8,2 bei funktionellen Einschränkungen, von 16,8 ± 8,5 auf 11,8 ± 7,2 bei emotionalen Belastungen und von 10,0 ± 4,6 auf 6,7 ± 3,7 bei katastrophalen Gedanken. Insgesamt berichteten 85 % der PatientenInnen in der Hörgerätegruppe von einer zumindest teilweisen Besserung, während dies in der Beratungsgruppe 73 % waren. Die Analyse der Versorgung mit ein- oder beidseitigen Hörgeräten zeigte keine signifikanten Unterschiede in den Ergebnissen. Die THI-Verbesserungen korrelierten stark mit einer gesteigerten Zufriedenheit beim Gebrauch der Hörgeräte (r = 0,671, p < 0,05).
Eine weitere aktuelle Studie von Sanders et al. (2023) untersuchte 40 TeilnehmerInnen in Neuseeland, davon 21 neue und 19 erfahrene Hörgerätebenutzer. Der THI wurde hier sekundär verwendet. Es wurde sich hauptsächlich auf den Tinnitus Functionality Index (TFI) gestützt, um die Auswirkungen von Tinnitus zu messen. Der TFI skaliert ebenso von 0 (niedriger Schweregrad) bis 100 (maximaler Schweregrad). Nach einer 12-wöchigen Intervention mit Oticon More 1 miniRITE R-Hörgeräten und vier Programmen zur Tinnitusunterstützung sank der mediane TFI-Wert von 49 (IQR = 40) auf 26 (IQR = 26), was einem Rückgang um 24 Punkte entspricht (p = 0,0001, d = 0,60). Besonders die Subskalen „Auditory“ und „Relaxation“ verbesserten sich jeweils um 32 Punkte. Der THI-Wert sank von 40 (IQR = 33) auf 23 (IQR = 27), ebenfalls statistisch signifikant (p = 0,0001, d = 0,61). Über die Hälfte der TeilnehmerInnen berichtete, dass mindestens die Hälfte ihrer persönlichen Ziele (COSIT) erreicht wurde, und erfahrene BenutzerInnen erzielten tendenziell größere Verbesserungen. Die am häufigsten genutzte Programmeinstellung war die reine Verstärkung, gefolgt von Verstärkung plus Tinnitus-Sound-Unterstützung.
Diese Studien belegen konsistent, dass Hörgeräte, insbesondere in Kombination mit Beratung oder Tinnitus-Sound-Unterstützung, die subjektive Belastung durch Tinnitus reduzieren, die Lebensqualität verbessern und eine verlässliche therapeutische Option darstellen, unabhängig davon, ob PatientenInnen zuvor Erfahrung mit Hörgeräten hatten oder nicht.
Quellen:
Lee, H. J., Kang, D. W., Yeo, S. G., & Kim, S. H. (2022). Hearing aid effects and satisfaction in patients with tinnitus. Journal of clinical medicine, 11(4), 1096. Quelle
Sanders, P. J., Nielsen, R. M., Jensen, J. J., & Searchfield, G. D. (2023). Hearing aids with tinnitus sound support reduce tinnitus severity for new and experienced hearing aid users. Frontiers in Audiology and Otology, 1, 1238164. Quelle