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Genie der Medizin oder Mitläufer? Das Leben des Theodor Fahr

Der deutsche Pathologe Theodor Fahr erlangte vor allem durch seine Forschungen in der Nieren-, Gefäß- und Nervenpathologie internationale Bekanntheit. Besonders prägend war seine Beschreibung eine später nach ihm benannte Erkrankung, bei der es zu symmetrischen Kalkablagerungen im Gehirn kommt. Diese stellte er erstmals 1930 wissenschaftlich vor. Bereits zuvor hatte er gemeinsam mit Franz Volhard wichtige Grundlagen für die moderne Nierenforschung geschaffen, indem sie eine neue Klassifikation von Nierenerkrankungen entwickelten, die bis heute von Bedeutung ist.  

Theodor Fahr (1877-1945) (Heidland et al., 2001)

Nach seinem Tod blieb Fahr vor allem in Deutschland eine bekannte Persönlichkeit. Dennoch standen lange Zeit ausschließlich seine medizinische Leistungen im Mittelpunkt, während seine Rolle während des Nationalsozialismus kaum thematisiert wurde. Erst ab etwa 2015 rückte dieser Aspekt stärker in den Fokus der Öffentlichkeit, unter anderem im Zuge von Debatten über nach ihm benannte Straßen. Diese Diskussion ist Teil einer breiteren Auseinandersetzung mit historischen Persönlichkeiten, die während der NS-Zeit wirkten. 

Fahr wurde 1877 geboren und studierte Medizin an mehreren Universitäten, wobei er auch Vorlesungen von Rudolf Virchow besuchte. Obwohl er ursprünglich Internist werden wollte, entschied er sich schließlich für die Pathologie. Seine Karriere entwickelte sich zunächst langsam, gewann aber durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und leitenden Positionen zunehmend an Bedeutung. Besonders hervorzuheben ist seine Zusammenarbeit mit Volhard, mit dem er entscheidende Fortschritte in der Erforschung von Nierenerkrankungen erzielte. Trotz seines Erfolgs litt Fahr seit den 1920er-Jahren an schweren Depressionen, die auch seine Arbeit beeinträchtigten. 

Während der Zeit des Nationalsozialismus passte sich Fahr dem System in gewissem Maße an. Er trat einer nationalsozialistischen Organisation bei und unterzeichnete ein Loyalitätsbekenntnis gegenüber Adolf Hitler, ohne jedoch Mitglied der NSDAP zu werden oder eine bedeutende politische Rolle einzunehmen. Seine wissenschaftliche Karriere setzte sich dennoch fort und 1938 wurde er Präsident der Deutschen Pathologischen Gesellschaft. Problematisch ist seine institutionelle Verstrickung in das System, etwa durch den Umgang mit Leichen aus Konzentrationslagern, auch wenn unklar bleibt, in welchem Umfang diese für Forschungszwecke genutzt wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Fahr zunächst entlastet und durfte weiter lehren, verlor jedoch kurz darauf seine Stellung aufgrund einer umstrittenen Äußerung. Wenige Tage später nahm er sich im Oktober 1945 das Leben, wobei neben beruflichen Problemen vermutlich auch seine langjährige psychische Erkrankung eine Rolle spielte.

Seine Haltung zum Nationalsozialismus erscheint insgesamt widersprüchlich. Einerseits engagierte er sich politisch nur in begrenztem Maß und es gibt keine eindeutigen Belege für eine direkte Beteiligung an Verbrechen. Andererseits passte er sich dem System an und zeigte keine klare Opposition. Besonders ambivalent ist auch seine Einstellung gegenüber Juden. Während er einzelne jüdische Kollegen unterstützte, etwa seinen Schüler Paul Kimmelstiel, finden sich in seinen späteren Erinnerungen zugleich antisemitische Aussagen. 

Insgesamt ergibt sich ein komplexes Bild. Fahr war weder ein überzeugter Nationalsozialist noch eindeutig ein Täter, jedoch auch kein klarer Gegner des Regimes. Seine bedeutenden wissenschaftlichen Leistungen stehen somit einer problematischen politischen und persönlichen Haltung gegenüber, was die bis heute andauernde Diskussion über seine Bewertung erklärt.

Quellen:

Evers, M. J., Gross, D., & Kaiser, S. (2021). Just “one of so many”? The pathologist Theodor Fahr (1877–1945) and his ambivalent relationship to National Socialism. Pathology - Research and Practice, 224, 153488. Quelle

Heidland, A., Gerabek, W., & Sebekova, K. (2001). Franz Volhard and Theodor Fahr: Achievements and controversies in their research in renal disease and hypertension. Journal of Human Hypertension, 15(1), 5–16. Quelle