Wenn Vertrautes fremd wird: Ein Blick auf das Capgras-Syndrom
Das Capgras-Syndrom (CS) ist eine seltene neuropsychiatrische Störung aus der Gruppe der wahnhaften Fehlidentifikationssyndrome. In allgemeinen psychiatrischen Patientengruppen liegt die Prävalenz unter 1 Prozent, in spezifischeren klinischen Populationen jedoch höher. So tritt das Syndrom bei 1,3 bis 4,1 Prozent aller psychiatrischen Erkrankungen auf und bei etwa 3 Prozent der stationär behandelten Psychosepatienten. Rund 10 Prozent der Personen, die erstmals eine psychotische Episode durchlaufen, entwickeln zeitweise Capgras-Symptome. Besonders hohe Werte zeigen sich bei schizophreniformen Psychosen, von denen etwa die Hälfte betroffen ist. Bei kurzen psychotischen Störungen liegt der Anteil bei rund 34,8 Prozent, bei nicht näher bezeichneten Psychosen bei etwa 23,9 Prozent. Auch im Rahmen schwerer depressiver Episoden mit psychotischen Merkmalen treten Capgras-Symptome regelmäßig auf, dort bei etwa 15 Prozent. Bei wahnhaften Störungen und klassischer Schizophrenie werden Werte um 11 Prozent beschrieben.
Im Zentrum des Syndroms steht die Überzeugung, dass vertraute Personen, Tiere oder Gegenstände durch täuschend echte Doppelgänger ersetzt wurden. Früher galt CS als überwiegend weibliches Krankheitsbild, die heutige Datenlage weist jedoch eine gleichmäßige Verteilung auf beide Geschlechter aus. Das Syndrom zählt zu den häufigsten Formen der wahnhaften Fehlidentifikationsphänomene und tritt sowohl im Rahmen primärer psychiatrischer Erkrankungen wie Schizophrenie oder schizoaffektiver Störungen als auch bei organischen Hirnschädigungen auf.
Die erste ausführliche Beschreibung stammt aus dem Jahr 1923. Der französische Psychiater Joseph Capgras schilderte damals den Fall einer Frau, die überzeugt war, ihr Ehemann und andere ihr nahestehende Personen seien durch Doppelgänger ersetzt worden. Sie hielt sogar eine zweite Version ihrer eigenen Person für real existierend. Capgras bezeichnete das Phänomen als „l’illusion des sosies“, also die Illusion der Doppelgänger.
Zu Beginn interpretierten Fachleute dieses Syndrom fast ausschließlich als psychiatrische Erscheinung und führten es häufig auf hysterische Mechanismen zurück. Dies führte zu der Annahme, es trete vorwiegend bei Frauen auf. Berson stellte später klar, dass CS weder mit Halluzinationen noch mit Gedächtnisstörungen gleichzusetzen sei. Betroffene nehmen ihre Umgebung meist korrekt wahr, ordnen ihre Eindrücke jedoch auf der Grundlage einer fehlgeleiteten Überzeugung fehl.
Ab den 1980er Jahren zeigte sich vermehrt, dass bei vielen Betroffenen strukturelle Veränderungen oder Schädigungen im Gehirn vorlagen. Diese Erkenntnisse beeinflussten das Verständnis des Syndroms nachhaltig und führten zu einer Sichtweise, die psychiatrische und neurologische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt.
Die pathophysiologischen Grundlagen bleiben trotz zahlreicher Untersuchungen unvollständig geklärt. Eine häufig herangezogene Erklärung ist die Zwei-Faktoren-Theorie von Coltheart. Dieser Ansatz beschreibt zwei Störungen, die gleichzeitig auftreten: Eine fehlende emotionale Reaktion auf vertraute Gesichter und eine beeinträchtigte Fähigkeit, diese Anomalie kritisch zu bewerten. Bildgebende Befunde deuten darauf hin, dass die Verbindung zwischen dem Temporallappen, der für die Gesichtserkennung zuständig ist und limbischen Strukturen, die emotionale Bedeutung vermitteln, gestört ist. Hinzu kommen Schädigungen der rechten Hirnhemisphäre oder Funktionsstörungen im Frontallappen, die die Überprüfung eigener Wahrnehmungen und die Zuordnung vertrauter Reize beeinträchtigen. Wenn frontale und temporale-limbische Areale nicht mehr ausreichend miteinander interagieren, entsteht ein Auseinanderfallen von Identitätsverarbeitung und emotionaler Bedeutsamkeit.
Das Capgras-Syndrom tritt in Kombination mit unterschiedlichen Erkrankungen auf, darunter Demenzen, Alzheimer-Erkrankungen, Parkinson, Epilepsien und vaskuläre Hirnschädigungen. Begleitphänomene wie das De-Clérambault- oder das Ekbom-Syndrom sind ebenfalls beschrieben. Psychodynamische Ansätze führen den Wahn auf eine pathologische Spaltung innerer Objektbeziehungen zurück. Ambivalente oder widersprüchliche Gefühle gegenüber nahestehenden Personen treten dabei nicht offen zutage, sondern werden auf einen vermeintlichen Doppelgänger verschoben. Dieser Mechanismus erklärt die häufig beobachtete Feindseligkeit gegenüber der als „falsch“ empfundenen Person.
Die Diagnose erfolgt in erster Linie klinisch und wird durch bildgebende Verfahren ergänzt, um organische Ursachen auszuschließen. Einheitliche Leitlinien existieren nicht, doch Antipsychotika der zweiten Generation, insbesondere Olanzapin, zeigen in vielen Fällen eine deutliche Wirkung. Psychotherapeutische Begleitung, eine tragfähige therapeutische Beziehung und die Einbindung der Angehörigen unterstützen den Umgang mit dem Syndrom und reduzieren das Risiko aggressiver Verhaltensweisen.
Die Prognose hängt wesentlich von der zugrunde liegenden Erkrankung ab. Bei depressiven Episoden und akuten psychotischen Zuständen nimmt der Wahn häufig deutlich ab. Im Rahmen chronischer Schizophrenien bleibt er dagegen oft länger bestehen. Entscheidend für den langfristigen Verlauf sind eine frühzeitige Erkennung, kontinuierliche medikamentöse Behandlung sowie ein stabiles psychosoziales Umfeld.
Abschließend lässt sich festhalten, dass das Capgras-Syndrom trotz seiner Seltenheit eine erhebliche klinische Bedeutung besitzt. Die Verbindung aus wahnhaften Fehlidentifikationen, potenzieller Aggressivität und individuell sehr unterschiedlicher Ausprägung verlangt ein sorgfältig abgestimmtes Vorgehen. Eine präzise Diagnostik, eine individuell angepasste Therapie, psychotherapeutische Unterstützung und eine enge Zusammenarbeit mit den Angehörigen bilden den Kern einer erfolgreichen Behandlung. Eine langfristige fachliche Begleitung stabilisiert den Verlauf zusätzlich und unterstützt Betroffene dabei, ein sicheres und geordnetes Alltagsleben zu führen.
Quellen:
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